verein
Logo Industriemuseum

Geschichte der Howaldtswerft

Anlässlich von großen Firmenjubiläen ließen die Eigner und Vorstände der Howaldtswerft Jubiläumsschriften herausgeben.

Dies waren
- im Jahre 1938
„100 Jahre Howaldt“
Verf. Hermann J. Held;

- im Jahre 1963
„125 Jahre Kieler Howaldtswerke”
Verf. Hellmut Kleffel;

- im Jahre 1988 zum 150. Jubiläum
„Gebaut bei Howaldt“
Verf. Bruno Bock.

- im Jahre 2004
das umfassende wissenschaftlich fundierte Werk „Von Howaldt zu HDW“
Verf. Christian Ostersehlte (ISBN 3 7822 0916 8).

Alle diese Schriften beziehen sich bezüglich der Firmengeschichte auf das Gründungsjahr 1838.

1838
Johann Schweffel und August Ferdinand Howaldt gründen die Firma Schweffel & Howaldt. Auf der Rosenwiese am Kleinen Kiel werden in ihrer Maschinenbauanstalt und Eisengießerei u.a. Dampfmaschinen und Kessel für Schiffe sowie Brennereien hergestellt.

Nach Plänen des Österreichers Wilhelm Bauer wird 1850 an der Kieler Förde auf der Betriebstätte der Firma am Eisenbahndamm der „Brandtaucher“ gebaut. Dieses Tauchboot bildete einige Jahrzehnte später die Grundlage des modernen U-Bootbaus. Bei der ersten Probefahrt sinkt der Brandtaucher am 1.2.1851. ( Nach etlichen Fehlversuchen wurde das Tauchboot erst 1887 gehoben.) 1854 tritt Johann Schweffel jr. anstelle seines Vaters in die Geschäftsleitung ein.

1865
Georg Howaldt pachtet in Gaarden die frühere „Schleswig-Holsteinische Marinewerft“ und beginnt hier mit der „Vorwärts“ den Eisenschiffbau. Als der Pachtvertrag 1867 gekündigt wird, sind bisher 7 Schiffsneubauten gefertigt worden. Die Preußische Marine übernimmt das Gelände. Ab 1871 entsteht hier die „Kaiserliche Werft“.

1867
In Gaarden wird die „Norddeutsche Schiffbau AG“ gegründet. Zu den Aktionären gehören u.a. A.F. Howaldt, G. Howaldt und die Firma Schweffel & Howaldt. Bis zum Jahre 1875 steht Georg Howaldt als Direktor an der Spitze des Unternehmens. Dieses geht 1879 in Konkurs. Später entsteht auf dem Gelände die Krupp’sche „Germaniawerft“.

1876
August Ferdinand Howaldt scheidet aus dem Betrieb aus und übergibt die Leitung an seine drei Söhne. Drei Jahre später, 1879 zieht sich auch Johann Schweffel jr. aus der Firma zurück.

Am 1. Oktober erwirbt Georg Howaldt am Nordufer der Schwentine, in der Landgemeinde Dietrichsdorf die kleine Werft von Schiffsbaumeister Reuter. Auf der von ihm gegründeten „Kieler Schiffswerft“ wird als erstes Schiff der Schlepper „George“ auf Kiel gelegt. Mit der Baunummer 8 nimmt er die erst kurze Tradition seines Eisenschiffsbaus wieder auf. Anfänglich beschäftigt er 25 bis 30 Mann auf dem rund 400 qm großem Areal.

1879
Es erfolgt die Änderung des Firmennamens. von Schweffel & Howaldt zu „Gebrüder Howaldt“. Alleinige Inhaber der Maschinenfabrik sind Georg, Bernhard und Hermann Howaldt. Die Schiffswerft in Dietrichsdorf ist der wichtigste Abnehmer der Erzeugnisse, die in der Maschinenfabrik hergestellt werden.

1880 – 1884
Die Maschinenfabrik „Gebrüder Howaldt“ wird als selbstständiges Unternehmen schrittweise auf das Werftgelände verlagert. Im Herbst 1881 geht am neuen Standort die Kesselschmiede in Betrieb, Mai 1883 die Maschinenfabrik und Mai 1884 die Eisengießerei. 1884 kann auch die Metallgießerei die Produktion aufnehmen.

Zwischen 1880 und 1882 lassen die beiden Firmen in einer „Arbeitercolonie“ auch Doppelwohnhäuser für ihre Arbeiter errichten. Vor den Werfttoren entsteht nach und nach der völlig neue Ortsteil – „Neu Dietrichsdorf“. Das Betriebsgelände ist auf mittlerweile auf rund 6600 qm angewachsen. 1200 Arbeiter finden hier Beschäftigung. Der Architekt Heinrich Moldenschardt entwarf derzeit für die Brüder Howaldt diese modernen Bauwerke der Industriearchitektur. Zu seinen Werken gehörten ferner das neue Verwaltungsgebäude und die Direktorenvillen von Georg Howaldt in Kiel und Hermann Howaldt in Dietrichsdorf.

1888
Im Jahre des 50. Firmenjubiläums bricht erstmalig in der Betriebsgeschichte, zunächst in der Maschinenfabrik, dann auch auf der Werft ein Streik aus. Er dauert trotz des Bismarck’schen „Socialistengesetzes“ sieben Wochen an. Nach Meinungsverschiedenheiten mit seinen Brüdern verlässt Bernhard Howaldt in diesem Jahr den Familienbetrieb. Er arbeitet künftig auf eigene Rechnung. So errichtet er unter anderem die Wasserkraftwerke in Raisdorf und baut auch als Abzweigung von der Schönberger Strecke einen Gleisanschluss zur Werft.

1889
Die „Kieler Schiffswerft“ und die Maschinenfabrik „Gebrüder Howaldt“ fusionieren zur „Howaldtswerke“ – Schiffbau, Maschinenbau, Giesserei und Kesselschmiede. Die Leitung der neu gegründeten Werke übernehmen die Direktoren Georg und Herrmann Howaldt.

1910
Bereits im Jahre 1900 war Hermann Howaldt verstorben. Kommerzienrat Georg Howaldt sen. verstarb im Jahre 1909 folgte.Für ihn rückte nun sein Sohn Georg jr. in den Vorstand auf. Die finanzielle Situation der Werft war katastrophal. Trotz einer Kapitalaufstockung und Übertragung von Geschäftsanteilen auf die Firma Brown, Bowerie & Cie. ergab sich 1909 ein Bilanzverlust von 3 Mio. Mark. Eine Umstrukturierung wurde unerlässlich. Im Frühjahr 1910 schied Georg Howaldt jr. aus der Firma aus. Damit war die Entmachtung der Gründerfamilie abgeschlossen.

1914 - 1918
Im Gegensatz zu den anderen beiden Kieler Großwerften, der „Kaiserlichen“ und „Germania“ war die Howaldtswerft im ersten Weltkrieg nur mit dem Bau relativ kleiner Kriegschiffe für die Kaiserliche Marine befasst. Versorgungsfahrzeuge, Torpedoboote und drei kleine Kreuzer standen auf der Bauliste. Als einziges „Dickschiff“ lief 1915 das Linienschiff „Bayern“ vom Stapel. Zu Beginn des Krieges hatte die Werft ca. männliche 4000 Beschäftigte. Zum Ende bestand die Belegschaft zu rund 25 % aus Kriegsgefangenen oder Frauen.

1926
Mit guten Verbindungen zur Privatwirtschaft und einem staatlichen Werftenprogramm konnte die Lage auf der Werft nach dem Krieg anfänglich durch den Bau von Eisenbahnwaggons sowie Schiffsreparaturen stabil gehalten werden. Später aber verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage durch eine erneute Krise in der Schiffbauindustrie. Am 15.9.26 ging der Betrieb in Liquidation. Die Anzahl der noch beschäftigten Arbeiter sank auf 281. Der aus Kiel stammende Hamburger Großkaufmann Konsul Heinrich Diederichsen übernahm vom derzeitigen Eigner, dem Rombacher- Hüttenkonzern, die Howaldtswerft zu einem Kaufpreis von 1 750 000 RM. 1929 wird die Kieler Howaldtswerft mit der neu gegründeten Howaldtswerft in Hamburg zur Howaldtswerke AG zusammengelegt. Auf der Kieler Werft findet in den Anfangsjahren des nationalsozialistischen Regimes, trotz beginnender Aufrüstung, fast ausschließlich Zivilschiffbau statt.

1939 - 1945
Nachdem Konsul Diederichsen seine Geschäftsanteile an das Deutsche Reich verkaufen musste, wurde am 1. April 1939 die Howaldtswerft Kiel mit dem benachbarten Marinearsenal zur „Kriegsmarinewerft“ vereinigt. Ab jetzt wird auf dem Werk Dietrichsdorf nur noch U- Bootbau betrieben. Während des Zweiten Weltkrieges entstehen hier 32 U-Boote vom Typ VII C in Sektionsbauweise. Ab 1941 wird auf dem Werftgelände der U-Bootbunker „KILIAN“ errichtet. Hauptsächlich Zwangsarbeiter sind beim Bau eingesetzt. Nach der Fertigstellung werden im Bunker, geschützt vor Bombenangriffen der Alliierten, die U-Boote ausgerüstet. Im Stadtteil Dietrichsdorf entstehen mehrere Barackenlager für die auf der Werft eingesetzten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter. Weil die Kriegsmarinewerft nicht effektiv genug produziert, erfolgt 1943 der Rückkauf der Geschäftsanteile durch die Howaldtswerft Hamburg. Nach Beendigung des Krieges kehren die ausländischen Arbeiter in ihre Heimatländer zurück. Im Betrieb verbleiben noch rund 2700 Beschäftigte.

1945 - 1950
Bei Kriegsende sind 80 % der Gebäude auf der Werft zerstört oder stark beschädigt und 60 % des Maschinenparks unbrauchbar. Der noch intakte U-Bootbunker „KILIAN“ wird 1946 durch die britische Besatzungsmacht gesprengt. Im Zuge der Demontage und Entmilitarisierung erfolgt zwischen 1948 und 1950 die Sprengung aller kriegswichtigen Anlagen durch die Alliierten. Kiel soll nie wieder Kriegsmarinehafen sein, nie wieder sollen hier Kriegsschiffe hergestellt werden! Auf dem Kieler Ostufer sind in erster Linie die Kruppsche Werft und die Deutschen Werke in Kiel-Gaarden von der Zerstörung betroffen. Gemeinsam mit dem Kieler Oberbürgermeister Andreas Gayk gelingt es dem Kaufmännischen Direktor der Howaldtswerft Adolf Westphal die Besatzungsmacht davon zu überzeugen, dass im Einfahrtbereich vom „Kiel Canal“ eine intakte Schiffsreparaturwerft erforderlich sei. Daher dürfe das Werk Dietrichsdorf nicht noch weiter zerstört werden. Allerdings können zunächst nur Reparaturen an kleineren Schiffen durchgeführt werden.

1950 - 1968
Die 50er-Jahre sind geprägt vom Schiffbauboom. Es ist die Zeit des „Wirtschaftswunders“. Auf Kiel gelegt werden u.a. Walfänger und Öltanker für den griechischen Reeder Onassis und Fischfabrikschiffe für die UdSSR. Zwischen 1952 und 1954 lässt Onassis eine kanadische Fregatte zur Luxusyacht „Christina“ umbauen. 1953 erfolgt die Trennung der Howaldtswerke Kiel und Hamburg. Anteilseigner der „Kieler Howaldtswerke AG“ ist die Bundesrepublik Deutschland. Eine wesentliche Erweiterung der Produktionsstätten wird ab April 1955 möglich, als der Betrieb das stark zerstörte Gelände der ehemaligen „Deutschen Werke“ in Gaarden übernimmt und wiederaufbaut. Mit 13 407 Beschäftigten erreicht die Howaldtswerft 1959 den absoluten Höchststand in ihrer Geschichte.

Der einzige jemals auf einer deutschen Werft gebaute atomgetriebene Frachter, die „Otto Hahn“ , läuft am 13. Juni 1964 auf der Schwentinehelling vom Stapel. Dieser Neubau fällt bereits in die Branchenkrise des deutschen und europäischen Schiffbaus, denn mittlerweile ist in Südostasien eine erhebliche Konkurrenz herangewachsen, die zu niedrigeren Erstellungskosten Schiffe bauen kann. Um die Kapazitäten besser auszunutzen und die Kosten zu senken, sollte nun eine Großwerft entstehen. Zum 1. Januar 1968 fusionierten drei leistungsstarke Werftunternehmen in Norddeutschland. Aus der Howaldtwerft Hamburg, der Deutschen Werft Hamburg und der Kieler Howaldtswerft entstand die Howaldtswerke-Deutsche Werft AG (HDW). Hauptanteilseigner war der Salzgitter-Konzern. Adolf Westphal bestellte man zum Vorstandsvorsitzenden des neuen Unternehmens.

1983
Da die Lage der deutschen Schiffbauindustrie sich nicht besserte, griff der Konzern zu weiteren Maßnahmen. Auf den Werken Reiherstieg in Hamburg und in Kiel-Dietrichsdorf wird die Fertigung im Jahre 1983 eingestellt. Bereits einige Jahre vorher hatte man in Kiel sukzessive mit der Verlagerung von Betriebsteilen zum Werk Gaarden oder aber mit der Aufgabe von bestimmten Fertigungen begonnen. So stellte auch die Metallgießerei im Dezember 1980 ihren Betrieb endgültig ein.

Am 17.12 1984 wurde das Werftgelände für fast 25 Mio. DM an die Stadt Kiel verkauft. Zwischen 1986 und 1988 erfolgte der Abriss der ehemaligen Werftanlagen. Für den künftigen Ostuferhafen werden neue Lager, Kai- und Straßenflächen angelegt. Im östlichen Randbereich des einstigen Werftgeländes siedelt sich in den Folgejahren die Fachhochschule Kiel an. Lediglich die frühere Metallgießerei verbleibt als das letzte Erinnerungszeichen an die 107 Jahre währende, traditionsbeladene Schiffbaugeschichte am Nordufer der Schwentine.

.